Yogamatte-Strand-Gripp

Yogamatte: Wenn die Rutschfestigkeit zum Hindernis wird.

Der Titel klingt für viele wahrscheinlich etwas merkwürdig oder in seiner Aussage gar falsch. Wird in den Verkaufsargumenten von Yogamatten doch oft gerade die Rutschfestigkeit herausgehoben. Um die Aussage besser einordnen zu können, lohnt sich ein Rückblick von 50 Jahren, als Angela Farmer quasi die Yogamatte erfand und eine Betrachtung wie die Muskeln arbeiten müssen, wenn wir nicht auf der Yogamatte „kleben“.

Die Yogamatte als therapeutisches Hilfsmittel

Angela Farmer gilt als die Erfinderin der modernen Yogamatte. Durch eine Operation in ihrer Jugend war es ihr nicht möglich an den Füßen und Händen zu schwitzen. Dies hielt sie nicht davon ab in den 1960‘s bei BKS Iyengar Yoga zu praktizieren. Ohne Schweiß an den Händen und Füssen, war dies für Angela Farmer eine zum Teil rutschige Angelegenheit.  (BKS lyengar erlaubte ihr nicht die Hände/Füße zu benetzen oder eine Unterlage zu benutzen). Als sie 1968 in München Yoga unterrichtete, entdeckte sie eine dünne Unterlage, welche beim Verlegen von Fußböden benutzt wird. Dies schien die perfekte Lösung für ihr Problem zu sein. Zurück in London stieß die „Yogamatte“ bei ihren Studenten auf großes Interesse.

Was für Angela Farmer ein therapeutisches Hilfsmittel war, gehört heute zur absoluten Standardausrüstung und wurde über die Jahrzehnte kontinuierlich weiterentwickelt. 

Doch welchen Einfluss hat ein solches Hilfsmittel auf das Yoga/die Yogis?

Die Stretch-ifizierung von Yoga

Collin Hall nennt es in einem Artikel für Yoga International, die Stretch-ification. Was er damit meint ist, dass Asanas, welche früher mehr Kraft erforderten, jetzt mehr Flexibilität abverlangen.

Das spürt man sofort, wenn man auf einer Wiese Yoga macht. Der Körper wird anders eingesetzt, muss er auch, weil man nicht auf der Yogamatte klebt.

Die wirkenden Kräfte bei zu hoher Rutschfestigkeit

Brian Cooper (PhD Biophyisk) und Christopher Norris (Physiotherapist, Bewegunswissenschaftler und PhD in der Rehabilitierung von Wirbelsäulen) haben sich vertieft mit den Kräften beim Yoga auseinandergesetzt.

Beispiel Adho Mukha Svanasana (herabschauender Hund)

Bestimmt hast auch du diese Übung schon etliche Male gemacht, auf einer Matte mit hoher Rutschfestigkeit. Was geschieht dabei genau? Du drückst deine Füsse weg bis sie wegen des Grips der Matte nicht mehr davon rutschen können. Mit Hilfe des Grips bei den Händen hebst du die Hüften  und versuchst den Kopf näher an die Beine zu bringen.

downward_dog_grip

Das Foto zeigt die horizontalen Kräfte bei dieser Übung auf einer Matte mit hoher Rutschfestigkeit. Hinzukommt die nach unten gerichtete Kompressionskraft, welche zu einer Bodenreaktionskraft führt, die Hüften anhebt und Stabilität gibt. Beansprucht werden die Streckmuskeln Waden, die Oberschenkelmuskeln, die Gesäßmuskeln und der große Rückenmuskel (musculus latissimus dorsi). Die kontrahierten Beugemuskeln sind der Quadrizeps, großer Lendenmuskel (Psoas) und einen Teil der Deltamuskeln. Durch den Grip werden die Beugemuskeln aber kaum beansprucht, da der „Druck“ vor allem auf den Händen und Füssen liegt.  Dadurch kann diese Position mit wenig Aufwand gehalten werden.

downward_dog_grip2

Einige verwenden, als Hilfsmittel auch eine Wand um noch tiefer zu kommen. Hier lassen sich die Kräfte gut illustrieren. Die Kräfte gehen weg von der Hüfte und wirken in verschiedenen Richtungen bei den Füßen.

So wirken die Kräfte/Muskeln mit weniger Rutschfestigkeit.

Navasan
Zur Illustrierung drehen wir die Zeichnung Mal um und verwandeln sie in eine Navasan. (Bauchmuskelübung). Die Vorwärtsbewegung wird ersichtlich, die vorderen Muskeln müssen zusammengezogen werden um Rumpf und Beine entgegen der Schwerkraft anzuheben.
nach unten schauender hund

So geschieht es auch auf dem Boden. Die beiden Pfeile zeigen die Richtung der Gesamtkräfte, welche erforderlich sind, damit man nicht einfach auf den Boden klatscht. Dies fordert die eigene „Tiefensensibiliät“ (Propriozeption) heraus. Daraus ergibt sich eine viel achtsamere und aktivere Bewegung.

Probiere es Mal auf einem Fussboden oder einer Matte die nicht ganz so rutschfest ist. Am Anfang wirst du wegrutschen, doch mit der Zeit wirst du es meistern. Nicht weil deine Hände plötzlich klebriger wurden, sondern weil die Strecker und Beuger nun koordiniert und ausgewogen in Aktion sind. Denn auf einer „klebrigen“ Matte, wird vor allem nur ein Satz Muskeln eingebunden und fördert den Verlust einer integrierten Bewegung.

Prasarita Padottanasana (Vorbeugen im weiten Spreiz)

vorbeugen im weiten spreiz

Desto weiter unsere Füße auseinander liegen, desto mehr wollen sie auseinander gleiten. Durch die Rutschfestigkeit der Matte wird diese Tendenz gebremst. In dieser Asana strecken wir die Kniesehnen, wenn wir uns nach vorne beugen und die Hüftabdukatoren, da die Beine auseinander liegen. Wir verwenden auch die Oberschenkelmuskeln, um das Knie zu stabilisieren. Wenn wir uns nach vorne bewegen, werden unsere Lats (musculus latissimus dorsi) verlängert und wenn wir dem Körper erlauben, sich für die letzte Haltung auf den Boden zu ziehen, verlängern sich unsere Rückenmuskeln. Mit einer Yogamatte mit zu „starkem“ Grip, werden die Adduktoren entspannt und das Gewicht auf die Innenkanten der Füße gezogen.

vorbeugen im weiten spreiz

Entfernen wir die „klebrige“ Yogamatte geschieht ähnliches wie schon bei Adho Mukha Svanasana. Die Asana wird anstrengender und ganzheitlicher. Die Kräfte wirken nun nach Innen. Die Muskulatur kann ausgeglichener Arbeiten. 

*Am Anfang können die Beine Mithilfe der  Arme/Hände „zusammengehalten“ werden, damit die Füße nicht ausrutschen können.

Baumwoll Yogamatte „Ludis“

2 in 1 / Baumwollstoff und Gripgewebe
Baumwoll-Padding 700 gr/m2
ca. 69 x 182 cm / Gewicht ca. 1.4 kg / ca. 7 mm dick
Hergestellt in der Schweiz

129,00

Sollte man also auf eine Yogamatte verzichten?

Eine Yogamatte vereint viele Funktionen: saubere Unterlage, Dämpfung, zusätzlichen Grip, Lifestyle und ganz wichtig auch der psychologische Effekt der Abgrenzung. Eine Insel in einem vollen Raum. Ein kleines Territorium. Eine Grenze zum Alltag hin. 

Vielleicht könnte es aber nicht schaden, wenn wir ab und an wieder Mal die Matte beiseitelegen und ausprobieren wie wir unseren Körper auf den verschiedenen Oberflächen, Stein, Holz, Sand, Wiese oder Baumwolle einsetzen müssen.

Und uns auch bewusst fragen, mit wie viel Grip/Rutschfestigkeit wir wirklichen üben wollen?

P.S 1989 sah Angela Farmer wie Iyengar bei einer Yoga-Demonstration eine Yogamatte von ihr benutzte.

Die Quellen sind innerhalb des Textes verlinkt. Die ungekürzte englische Version zu den wirkenden Kräften und beanspruchten Muskeln findest du hier.

Wie stehst du zu diesem Thema? Wir freuen uns über deinen Kommentar.

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